Pressebericht

Trachten aus der Renaissance

Berner Zeitung BZ, Dienstag, 14. Mai 2019


Langnau

Ganz so alt, wie sie scheinen, sind die heutigen Langnauer Trachten nicht. Sie entstanden erst in den 1920er-Jahren. Ihr Ursprung reicht aber viel weiter zurück.

 

Tauchen irgendwo Trachtenleute auf, umweht sie immer auch ein Hauch Nostalgie. Die Frauen tragen hochgeschlossene Blusen mit Puffärmeln, lange Röcke mit einer Schürze darüber, gestrickte Socken mit Lochmuster und schwarze Schnallenschuhe. Die Männer sind in Halbleinen oder in den Berner Mutz gekleidet. Wie schön war sie doch, die gute alte Zeit, die Zeit Gotthelfs.

Halt, stopp. Hier trügt die Erinnerung. «Die Trachten, wie wir sie heute kennen, sind erst lange nach Gotthelf entstanden», erklärt Madeleine Ryser, die Leiterin des Langnauer Regionalmuseums Chüechlihus.

Erst mit der Gründung der Schweizerischen Trachtenvereinigung in den 1920er-Jahren hätten die Kleider ihr heutiges Aussehen erhalten. «Damals machte man sich daran, für jeden Landesteil eine Tracht zu definieren und zu standardisieren.» Aber natürlich erfanden die Verantwortlichen nicht einfach irgendwas. Sie orientierten sich an historischen Vorbildern.

 

  

 

Langnauer Tracht

            

 

Trachtenschmuck aus verschiedenen Epochen

ausgestellt im Regionalmuseum
Chüechlihus in Langnau

 

 

Reisläufer und Handelsleute

Etabliert hat sich die Tracht Ende des 17. Jahrhunderts aus der Renaissancemode heraus. Etwas später wurde sie auf dem Land übernommen und getragen. Reisläufer und Handelsleute hätten, so erklärt Historikerin Ryser, die dafür benötigten Stoffe aus der ganzen Welt mitgebracht.

Wie die Trachten ausgesehen haben, zeigen zwei Bilder an einer Wand im Chüechlihus: Darauf sind die Grosstöchter des Wunderheilers Micheli Schüpbach zu sehen. Die beiden Frauen sind in Rokokotrachten gekleidet und ähneln heutigen Trachtenfrauen sehr. Bis ins 19. Jahrhundert waren die damals gängigen Kleider dann gebräuchlich, und zwar für alle Gesellschaftsschichten. Einzige Ausnahme: die Pfarrleute.

«Das waren Bernburger, die haben keine Tracht getragen», sagt Madeleine Ryser und schmunzelt: «So wusste man immer gleich, wer die Frau Pfarrer ist.» In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts endete die Zeit der Tracht vorübergehend, man wollte jetzt lieber modernere Kleidung.

 

 

 

 

 

 

Rokoko-Tracht

die Trägerin ist
die Tochter von
Micheli Schppbach 

    

 

Verlassen wir die frühe Geschichte der Trachten und kehren in die 1920er-Jahre zurück. Die Leute in der Trachtenvereinigung machten sich also daran, die alten Kleider wiederzubeleben. Das Emmental hat dabei nicht wirklich «eigene» Trachten bekommen, aber doch solche, die der Region zugeschrieben werden oder hier besonders oft zu sehen sind.

Zu nennen wären etwa die Langnauer Tracht, die laut Madeleine Ryser heute nicht mehr getragen wird, und die Freudenbergertracht. Sie ist der Langnauer Tracht sehr ähnlich, mit ihrem gelb-roten Mieder aber weit farbenprächtiger als die dezentere rot-schwarze. Dass die Freudenbergertracht gerade in einem ländlichen Gebiet wie dem Emmental häufig getragen worden sei, sei nicht verwunderlich, sagt Ryser.

«Die Leute auf dem Land liebten farbenfrohe Stoffe, während man sich in der Stadt eher in edles Schwarz hüllte.» Kommt hinzu, dass schwarzes Tuch in früheren Zeiten viel teurer war als farbiges.

 

Die Emmentalerin

Wirklich eine Tracht der Region ist die Gotthelftracht. Jetzt darf der Dichterpfarrer in Sachen Mode wieder mittun. Wobei ein Seeländer natürlich auch nicht ganz unbeteiligt ist an der Ur-Emmentalerin: «Die Tracht wurde anhand von Bildern gestaltet, die Albert Anker zu Gotthelfs Geschichten gemalt hat», sagt Madeleine Ryser.

Sie war in der Anschaffung nicht so teuer wie etwa eine Berner Sonntagstracht, vor allem weil sie keinen Silberschmuck hat. Ausser der Brosche, aber die darf auch aus Holz sein. Die Gotthelftracht sei sehr bequem zu tragen, weiss Madeleine Ryser. Und sie eignet sich auch für kalte Wintertage oder den Besuch des Gottesdienstes in einer ungeheizten Kirche: Das langärmelige Wollhemd und die Wollschürze halten warm.

 

Text: Cornelia Leuenberger, Berner Zeitung BZ