Pressebericht

Im Juni wird das Dorf zum Festgelände

Berner Zeitung BZ, Freitag, 26. April 2019


Langnau       

 

 

 

Zuerst die Radprofis, danach die Trachtenleute.

 

 

Im Oberen Emmental stehen mit dem Start der Tour de Suisse und dem bernischen Trachtenfest grosse Anlässe bevor.

 

Was die Berner Trachtenleute diesen Sommer in Langnau vorhaben, hat einen gewissen Seltenheitswert. In jüngster Zeit habe jeweils etwa alle 15 Jahre ein bernisches Trachtenfest stattgefunden, sagt Hansruedi Spichiger. Der 72-Jährige ist Präsident des Komitees, das die Austragung vom 29. und 30. Juni im Oberemmentaler Zentrum organisiert.

 

Ganz früher hätten sich die Berner Trachtenleute darauf beschränkt, ihre Delegiertenversammlungen alle zwei Jahre mit einem Umzug zu bereichern. Dann fand 1974 in Bern im Zusammenhang mit einer neuen Fahne ein grosses Fest statt. 1979 wurde es in Biel wiederholt, 1989 in Burgdorf und 2004 in Herzogenbuchsee.

 

Riesige Tanzbühnen

 

Dass diesen Sommer alles, was eine Tracht besitzt, nach Langnau pilgern wird, hat einen guten Grund. 1926 sei hier die erste Trachtengruppe des Kantons Bern gegründet worden, sagt Spichiger. Im gleichen Jahr also, in dem die Schweizerische Trachtenvereinigung ins Leben gerufen wurde. Die Bernische Trachtenvereinigung feiert dieses Jahr ihr 90-jähriges Bestehen. Das nimmt sie zum Anlass, in Langnau nicht bloss ein Fest für die Trachtenfreunde aus den eigenen Reihen zu organisieren, sondern dem Ganzen einen «eidgenössischen Charakter» zu geben, wie es Spichiger ausdrückt: Das bernische Trachtenfest wird auch gleich zum schweizerischen Volkstanzfest.

 

Über 4000 Mitglieder, darunter 500 Kinder, die in Trachtengruppen singen und/oder tanzen, haben sich laut dem OK-Präsidenten angemeldet. An verschiedenen Plätzen des Dorfes Langnau werden sie zeigen, was sie können: Im Kirchgemeindehaus werden sie (an zwei Wochenenden) das Theater «Das Polenliebchen» von Paul Steinmann aufführen. In der reformierten Kirche werden sie singen. Auf dem Bären-, dem Pferdemarkt- und dem Viehmarktplatz werden die einzelnen Trachtengruppen ihre Tänze vorführen. Aber weder beim Singen noch beim Tanzen werden die Leistungen bewertet. Denn Sinn und Zweck des Trachtenwesens sei es, die Tradition zu bewahren und «das gemeinschaftliche Leben zu fördern», betont Hansruedi Spichiger.

 

«Man kommt zur Freude zusammen, um miteinander zu singen und zu tanzen.» Die Tanzfreudigen werden denn auch nicht nur vorführen, sondern auch alle zusammen tanzen. Auf dem Sportplatz vor dem Sekundarschulhaus (oder bei schlechtem Wetter in der Halle) und in der Ilfishalle werden sie zu Hunderten gemeinsam das Tanzbein schwingen. Dabei werden sie sich nicht individuell nach dem Rhythmus der Musik bewegen, sondern gemäss vorgegebenen und in den Trachtengruppen bekannten Choreografien.

«Auch die Eröffnungspolonaise ist jeweils etwas Eindrückliches», bittet Spichiger vorfreudig, einen weiteren Programmpunkt zu beachten.

 

Offenes Tanzen auf dem Pferde-, dem Vieh- und dem Bärenplatz bedeutet, dass dort ganz einfache Figuren zu vollführen sind, bei denen auch nicht volkstänzerisch geschulte Zuschauer nach kurzer Einführung mitmachen können.

 

Finanziell unberechenbar

 

Kleine Verpflegungsstände werden an allen Plätzen stehen, grosse Festwirtschaften in der Ilfishalle und auf dem Viehmarktplatz. Auf dem Pferdemarktplatz wird zudem an verschiedenen Ständen gezeigt, welche Handwerke zu einer kompletten Tracht führen. Aber Einnahmen würden an diesem Märit keine generiert, sagt Hansruedi Spichiger. Das ist überhaupt der Punkt, der für den OK-Präsidenten die grössten Unwägbarkeiten enthält: wie hoch der finanzielle Ertrag sein wird. Denn gerade wegen der dezentralen Schauplätze kann kein Eintrittsgeld verlangt werden.

 

Die Trachtenleute seien gehalten, eine Festkarte zu erwerben, sagt Spichiger. Wer nur an einem einzelnen Tanz mitmachen wolle, müsse sich mittels Tanzbändel dazu berechtigen. Aber sonst seien die Organisatoren auf die Unterstützung konsumierender Zuschauer angewiesen und darauf, dass sie freiwillig ein Festabzeichen kaufen würden. Mit diesem leisten sie auch einen Beitrag an die Kosten des Umzugs, der am Sonntag durch Langnaus Strassen ziehen wird. Laut Spichiger rechnet das Komitee mit einem Aufwand von rund 600 000 Franken.

 

Nebst Sponsoren, die das Fest unterstützen, hofft der OK-Präsident auch darauf, dass die Gemeinde Langnau nicht alle Kosten voll in Rechnung stellen werde. Er ist dankbar für das Entgegenkommen der reformierten Kirchgemeinde, die die Kirche günstig zur Verfügung stellt – und den Sonntagsgottesdienst zusammen mit der katholischen Kirche aus Anlass des offiziellen Festaktes in die Ilfishalle verlegen wird.

 

Auf die Frage, ob er intensiv auf sonniges, trockenes Wetter hoffe, winkt Spichiger ab und sagt: «Angesichts der Trockenheit würde ich nicht klagen wollen, wenn es regnen würde.»

 

Text: Susanne Graf, (Berner Zeitung)